Hier ein Link zur Reisebeschreibung von Klaus, einer unserer Gäste, der mit uns Montenegro bereist hat: https://travelpens.de/reiseerzaehlung/

MONTENEGRO


Von den drei Ländern Ex-Jugoslawiens, die ich bereise, ist Montenegro das kleinste. Trotzdem bin ich dort am längsten, fast zwei Wochen. Teils wegen der spektakulären Landschaften, teils weil ich zum Schluss ein bisschen zur Ruhe kommen will… Zwei Deutsche, die beide dort schon seit 12 Jahren leben, sind meine wichtigsten Kontakte. Beide heißen Michael. Der eine ist mein Guide in den Bergen, der andere mein Gastgeber am Meer… Es geht also los mit den Bergen und gleich mit einer Planänderung: Ziel ist eigentlich Lukavica, zwei schöne Wanderungen und zufälligerweise sogar am Tag des Frühlingsfestes – aber da hat der Winter was dagegen, denn man kommt nicht hin wegen Schneeverwehungen. Stattdessen Žabljak: auch über 1.000 Meter, auch mit Wanderungen und sogar mit dem Plus, zwei Tage in Familie untergebracht zu sein. Keine ganz gewöhnliche Familie: der Vater in meinem Alter, im Ort „Mädchen für alles“ und fast nie daheim, die Mutter 20 Jahre jünger und die Seele des Hauses, der Sohn de facto Kopf des Campingplatzes, den sie gemeinsam betreiben, und die Tochter geht noch zur Schule, muss aber auch mit ran… Mit den Männern rede ich deutsch, mit den Frauen englisch, und manchmal frische ich auch mein Russisch ein bisschen auf, zumindest ein paar Vokabeln. Mama macht guten Kaffee und sehr gutes Essen, nur lässt sie immer die Türen offen, und während ich auf ihr sehr gutes Essen warte und Sohn oder Tochter sich mit mir unterhalten, kriecht die Abendkälte mir die Beine hoch… Mit den Wanderungen hab ich wettermäßig Glück: am ersten Tag einmal rum um den Schwarzen See, allein, am zweiten in kleiner Gruppe durch die Berge und den Schnee auf Drei-Seen-Tour.

Nach Žabljak lerne ich Michael Hlavka (TravelPoint Montenegro) persönlich kennen. Immerhin drei Tage ist er mein Guide und ich sein einziger Gast (weitere waren angekündigt und sagten ab). Reichlich Zeit also wieder für Gespräche, die Land und Landschaft betreffen (und mehr), sei es beim Wandern, Autofahren oder Essen. Am ersten Tag geht es in den Mrtvica Canyon, mein Wunsch. Der spielt auch unterwegs eine Rolle, am „Tor der Wünsche“: Ist man „reinen Herzens“, so die Bedingung, stellt man sich mit dem Rücken zum Tor, wirft einen Stein über die Schulter in den Fluss – und wünscht sich etwas. Wir tun es beide; seinen Wunsch kenn ich nicht, meinen verrat ich nicht. Nur soviel: Es war nicht der, heil aus der Schlucht wieder rauszukommen. (Dass ich definitiv nicht schwindelfrei bin, behalt ich für mich.) Es ist aber auch nicht so prekär am ersten Tag. Nur ungewöhnlich voll. Viel Volk unterwegs. Es ist Sonntag, und morgen Brückentag, vor den (beiden!) Nationalfeiertagen. Nach rund 2,5 h und der spektakulärsten Passage kehren wir um. Auf der Heimfahrt Rast bei einem von Michaels Geheimadressen; es gibt die besten gefüllten Paprika Montenegros. Sein Prinzip – Ich mache mit meinen Kunden nur das, was ich auch selber gern mache – könnte von mir aus gern Schule machen. Kurz vor Podgorica passieren wir die halbfertige Brücke der neuen Autobahn Belgrad-Bar; Bauherren sind die Chinesen, und bis auf ein paar einheimische Subunternehmen, sagt Michael, arbeiten sie völlig autark, lassen ihre eigenen Leute kommen, sogar ihr eigenes Essen…

Am zweiten Tag blickt man Abgründe hinab, die wirklich schwindlig machen. Wir sind auf der „Korita“-Runde unterwegs und folgen einer frei verfügbaren Audio-App, die erkennt, wo man sich aktuell befindet, und passend dazu Geschichten, Infos und Tipps liefert, in einwandfreiem Deutsch. Höhe- und Tiefpunkt in einem ist der Blick knapp 1.000 m hinab. Das Wetter dämpft die Dimensionen ein wenig, trotzdem wird mir schwummrig. Vor das Geländer zu treten, um bessere Fotos zu machen, wär ganz ausgeschlossen.

Am dritten Tag schließlich die längste und eindrucksvollste Fahrt. Ich will unbedingt hoch auf den Lovcen, und auch die vielgepriesene Schönheit der Bucht von Kotor eröffnet sich wohl nur von oben… Wenn das Wetter mitspielt. Was das angeht, wird es eine Wettfahrt. Cetinje, die alte Hauptstadt, hat Charme, Atmosphäre, sehenswerte Gebäude und lädt eigentlich zum Verweilen ein…

Doch wir „müssen“ weiter. Dunkle Wolken ziehen auf. Man will schließlich nicht auf knapp 2.000 m Höhe stehen und nichts sehen – außer Njegoš, dem Fürstenbischof und Dichter in seinem Mausoleum, so bedeutend er auch gewesen sein mag. Michael gibt Gas, und ich auch, als ich die 472 Stufen hochsprinte… Oben schwankt der Boden. Erschöpfung oder Schwindel? Immerhin, wenigstens eine Hälfte des Himmels ist noch hell…

Auf der anderen Seite des Berges, wo es nach Kotor runtergeht, danke ich Petrus, dass er uns den Regen nicht nachschickt, und meiner Vorsicht, die mich davor bewahrt hat, ein Mietauto zu nehmen. Nicht so sehr, weil ich so die Aussicht besser genießen kann, nein, mir ist die Straße zu eng. An manchen Stellen müssen schon PKW rangieren. Wie die Busse aneinander vorbeikommen, ist mir ein Rätsel. Und ausgangs einer Kurve hat einer gestoppt, um uns vorbeizulassen. Michael setzt an und fährt wieder zurück. Viel zu eng, findet zum Glück auch er, und außerdem gefährlich: Rechts ist keinerlei Befestigung, es geht glatt runter, keine 100 m, aber genug, um sich den Hals zu brechen. Der Busfahrer bewegt sich nicht, winkt er sogar und lächelt diabolisch? Michael setzt nochmal an, er will doch nicht… Doch, und er fährt glatt durch. Klappt nicht mal den Spiegel ein (ich glaube, der hätte eh geklemmt). Wahnsinn! Was hätte ich an der Stelle gemacht? Gebockt wie ein Esel! Vielleicht wär ich ausgestiegen und hätte den Busfahrer mein Auto fahren lassen. Und wieso eigentlich bin ich nicht ausgestiegen und vorgelaufen, um zu schauen und vielleicht noch ganz cool ein Foto zu machen? Keine Ahnung. Paralysiert wohl. Nun ja, wir kommen gut runter, mit zwei Zwischenstopps, und zum Abschluss gibt es noch das obligate „Leckerli“, diesmal in einer alten Olivenmühle. Danke, Michael!

Bevor ich zu dem anderen Michael und ans Meer komme, muss ich noch einen Dritten loben: mich selbst. Für eine gute Entscheidung. Genau genommen sogar für drei. Für das Was, das Wann und das Trotzdem… Was: Ich könnte von Podgorica aus direkt ans Meer, fahre aber erstmal in die Gegenrichtung bis Kolašin, um von dort, mit Anlauf sozusagen, bis zur Adria durchzubrausen, und zwar mit einem antiquierten Verkehrsmittel, der Titobahn, anders als der Bunker ein öffentlichesGroßprojekt, aber fast zur gleichen Zeit entstanden (1951-76), das Belgrad mit dem Meer verbindet und hier in Montenegro spektakulär durchs Gebirge führt… Wann: So früh am Tag wie möglich, also mit dem 6-Uhr-Zug, wo man (am ehesten im letzten Wagen) noch gute Chancen hat auf ein eignes Abteil, in dem man das Fenster öffnen und fotografieren kann… Trotzdem: Es schüttet am Vorabend, es regnet die Nacht durch, trotzdem fahre ich los in der Hoffnung, dass die Wettervorhersage stimmt, und das tut sie, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal… Von Podgorica nach Kolašin fährt man anderthalb Stunden durch x Tunnel und über ebensoviele Brücken (darunter die höchste Eisenbahnbrücke Europas), klettert auf über 1.000 m, wird mit grandiosen Ausblicken belohnt und zahlt dafür (vielleicht von Tito für 100 Jahre festgeschrieben) ganze zwei Euro. Danke, Tito!

In Kolašin habe ich 2 h Aufenthalt eingeplant. Als ich aussteige, steht der 8-Uhr-Zug in die Gegenrichtung abfahrbereit. ‚Könnt ich nicht gleich…‘, denke ich, aber man weiß ja nie, was man vielleicht verpasst vor Ort. Außer einem der typischen Denkmäler aus der sozialistischen Ära (wie sie sich hier, scheint mir, zahlreicher gehalten haben) entdecke ich aber nichts… Eine Schafherde quert die Gleise, bevor der 10-Uhr-Zug einfährt. Er ist ziemlich voll, keine Chance auf ein leeres Abteil. In Podgorica steigen aber fast alle aus. Gut so, die Strecke bis zum Meer kenn ich noch nicht. Sie ist ganz anders, aber nicht weniger schön…